IRIS BODEMER
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REBUS

von MARJAN UNGER

Dieses Buch entstand aus einer Notwendigkeit. 2002 hat Iris Bodemer einen schönen, handgefertigten Katalog über ihr frühes Werk herausgebracht. Mehr als ein Jahrzehnt danach ist es an der Zeit, erneut innezuhalten. Mit REBUS zieht sie eine zweite große Zwischenbilanz. Der Anlass zu diesem Buch ist ihre Ausstellung mit Ute Eitzenhöfer, die 2013 und 2014 zunächst im Schmuckmuseum Pforzheim und anschließend im Deutschen Goldschmiedehaus Hanau und im CODA Museum Apeldoorn gezeigt wird.

Die Buchform ist auch für diese Bestandsaufnahme der Jahre 1997 bis 2013 ein Muss. An Büchern schätzt Iris Bodemer das Haptische – die Möglichkeit, ihre Arbeit auf einem fühlbaren Material zu präsentieren. In einer Zeit, in der viele Informationen über allerlei wunderliche Kanäle virtuell verbreitet werden und sich gesellschaftlich, kulturell, wissenschaftlich und ökonomisch so vieles bewegt, ist ein greifbarer Vermessungspunkt besonders hilfreich. Das gilt auch für die Welt des Schmucks. Schmuckstücke sind Dinge, die von Menschen für Menschen hergestellt werden. Es sind Gegenstände, die Menschen an sich tragen und mit denen sie etwas von ihrer Persönlichkeit und ihrer Herkunft preisgeben. Ebenso wie Bücher sind Schmuckstücke in ihrer Form dinghaft und in ihrem Inhalt relativ. Sie werden von einer Person hergestellt und sind somit auch ein Produkt der Umstände, unter denen sie entstehen. Guter Schmuck und gute Bücher haben Bestand und sind Gradmesser ihrer Zeit.

Iris Bodemer liebt ihr Metier, das menschliche Maß und die Möglichkeit, Material, Form und Bedeutung im Schmuckstück zu einer Einheit zu verdichten. In ihrem Werk reklamiert sie für sich völlige Freiheit und folgt dabei allein ihrem inneren Kompass. Als Künstlerin möchte sie sichtbar machen, was sie berührt, und verarbeiten, was sie beobachtet. In die jüngste Werkgruppe von 2013 fließen auch Referenzen an aktuelle Zeitprobleme ein, die sie beunruhigen.

Iris Bodemer arbeitet meist an Halsketten, Broschen und Ringen. Innerhalb dieser körperbezogenen Formen spielt sich ihr Abenteuer ab. Als bildende Künstlerin ist sie stets auf der Suche nach Materialien, Raumkörpern, Linien, Farben und Konstruktionen, um ihre Gedanken zu visualisieren. Die Übersetzung imaginärer Bilder in konkrete Gegenstände verläuft bisweilen eher zögerlich, in Momenten großer Konzentration hingegen so rasch, dass eine ganze Werkgruppe in schneller Folge entsteht. Zwischen den einzelnen Werkgruppen besteht dabei eine gewisse Kontinuität. In jeder abgeschlossenen Sequenz steckt bereits der Keim für neue Arbeiten. In Galerien und Ausstellungen präsentiert Iris Bodemer ihre Schmuckstücke denn auch so, dass die Bezüge innerhalb der Werkgruppe deutlich werden.

Alles in ihrem Schaffen dreht sich um die Interaktion zwischen Gedanken, den daraus entstehenden imaginären Bildern und den konkreten Gegenständen, die sie mit ihren Händen herstellt. Die verbindende Instanz ist dabei das Auge. Es beobachtet den Herstellungsprozess und entscheidet, ob sich der entstehende Gegenstand gut entwickelt oder nicht. Das künstlerische Schaffen ist eine Form des Denkens, bei der das Auge die Rolle des Schiedsrichters übernimmt.

Dieser Prozess ist darauf angelegt, immer weiterzugehen und nicht im Repetitiven zu erstarren. Wie die Abbildungen in diesem Buch zeigen, erliegt Iris Bodemer nicht der Versuchung, erfolgreiche Stücke aus früheren Werkgruppen nur zu variieren.

Wer über Schmuck schreibt, muss zweierlei wissen: Zum einen sind Sprache und Bild zwei Instrumente der Erfahrungsvermittlung, die beide zur Präzision und Abstraktion fähig sind und sich daher zum Glück ergänzen können, obwohl sie zunächst grundverschieden sind. Zum anderen hat jeder, der über Schmuck schreibt, mit mindestens drei Akteuren zu tun: dem Macher, dem Träger und dem Betrachter. Keiner dieser drei Akteure darf außer Acht gelassen werden.

Meist steht, wenn über das Werk renommierter Goldschmiede geschrieben wird, der Kunstschaffende im Mittelpunkt. Welchen Hintergrund hat er? Wo und von wem wurde er ausgebildet? Was treibt ihn an? Wie wählt und verarbeitet er seine Materialien? Das Herstellen von Schmuck ist kein gängiger Beruf und berührt kontroverse Begriffe wie Stil oder Geschmack, bedient sich geheimnisvoller Techniken, bei denen häufig auch Feuer im Spiel ist, und wirft allerlei Fragen auf. Diese Fragen zu beantworten, ist für die Künstler oft keine leichte Aufgabe. Iris Bodemer etwa gehört zu denjenigen, die keine Erklärungen zu ihren Arbeiten liefern wollen. Was sie zu sagen haben, legen sie in ihre Arbeit, die sichtbar vor dem Betrachter liegt und daher doch genügen müsste. Welche Auskünfte sollen die Künstler darüber hinaus noch erteilen?

Der Träger kann ein Schmuckstück besonders gut zur Geltung bringen oder auch nicht – je nachdem, zu welchem Anlass er es trägt und wie er sich kleidet und bewegt. Auch die Umgebung, das Licht und die An- oder Abwesenheit anderer Personen spielen eine wichtige Rolle; der Träger kann seinen Schmuck in Gesellschaft oder auch ohne Wirkungsabsicht nur zu seinem eigenen Vergnügen tragen.

In der Dreieckskonstellation von Macher, Träger und Betrachter nimmt der Betrachter eine Art Schlüsselposition ein. Der Betrachter kann ein Passant sein, dessen Blick am Schmuckstück hängen bleibt, oder auch ein Kenner, der schon häufig über Schmuck geschrieben hat.

In diesem Buch sind die Positionen eindeutig: Auf meinen Text – den Text einer Betrachterin – folgen die wundervollen Bilder von Iris Bodemer. Allerdings bin ich als Autorin und Kunsthistorikerin dank einer tiefen Liebe zum Schmuck immer wieder Trägerin und Betrachterin zugleich. Indem ich über zeitgenössischen Schmuck nicht nur schreibe, sondern ihn auch trage, erlebe ich, wie dieser Schmuck wirkt.

Ich verfolge Iris Bodemers Arbeit seit der Zeit, als sie am Sandberg Institut in Amsterdam studierte, und habe ihre Arbeiten immer wieder in Galerien – vor allem in der Galerie Marzee in Nijmegen – sowie auf Messen und bei Präsentationen gesehen. Mich faszinieren die verbindenden Elemente in ihrem Œuvre, das immer wieder überrascht und viele weitere Überraschungen verspricht. REBUS, der Titel dieses Buches, steht für Bilderrätsel – und ich habe die Aufgabe, diese Rätsel und das Eigenartige in den Schmuckstücken von Iris Bodemer mit Worten zu vermitteln.

Der erste Begriff, der sich bei der Betrachtung des Schmucks von Iris Bodemer aufdrängt, lautet Freiheit. Iris Bodemer verweist in ihrem Werk nicht auf das ihrer Kollegen oder wichtiger Vorgänger, sondern geht ihren eigenen Weg. Sie kombiniert Formen, Linien und Materialien im besten Sinne auf eigenartige Weise. Sie arbeitet mit verschiedensten Materialien von Gold über Edelsteine und Gummi bis hin zu Schnüren. Für sie gibt es keine Hierarchie der Materialien und Formen.

Diese Freiheit erfordert Mut und die Gabe zu wissen, wann ein Schmuckstück gelungen ist und wann durch zu viel Verfremdung die Faszination verloren geht.

Die Elemente, die sie in ihren Arbeiten miteinander verbindet, können stark voneinander abweichen. In dieser Hinsicht lässt sich ihr Schmuck mit Stillleben vergleichen, einem klassischen Genre der Malerei, in dem Gegenstände verschiedenster Formen, Farben und Texturen zu einer Komposition zusammengefügt werden.

Schon früh hat Iris Bodemer die Scheu vor kostbaren Materialien verloren, indem sie deren charakteristische Eigenheiten ausgelotet hat. 1997 überließ ihr eine Händlerin eine Auswahl hochwertiger Steine mit der einzigen Auflage, dass sie diese später aus dem Erlös der gefertigten Schmuckstücke bezahlen sollte. Als sie obendrein mit Gold arbeiten wollte, überzeugte sie ihre Bank mit dem Argument, dass man Gold ja jederzeit wieder einschmelzen könne, und erhielt den gewünschten Kredit. Die Werkgruppe, die daraus entstand, wurde ein visuelles Fest.

Iris Bodemer fertigt ihre Schmuckstücke wie Zeichnungen, arbeitet intuitiv und unmittelbar mit den Materialien, die sie um sich herum versammelt hat, und lässt sich von ihren Ideen leiten. In diese Ideen geht alles ein, was sie sieht, liest oder auf anderem Wege auf- und wahrnimmt. Mit den Mitteln der Zeichnung kann sie die Ideen, die sie beschäftigen, in besonders direkter Weise sichtbar machen. Ihr Schaffen gleicht einer Gebärde und bringt selten Symmetrien hervor. Sehr wohl aber hat jede Arbeit ihre eigene Balance und Mitte.

Iris Bodemer ist eine hervorragende Zeichnerin. 1998 habe ich beobachtet, wie sie die Wand eines Projektstudios im Amsterdamer Sandberg Institut mit großen Zeichnungen versah. Diese hatten wenig gemein mit klassischen Bleistift-und-Papier-Zeichnungen. Papier wurde hier nicht als Untergrund, sondern als Material verwendet. Schon damals zeichnete Iris Bodemer mit verschiedensten Werkstoffen wie Gummi, Klebeband oder Leukoplast und mit ausgeschnittenen und gefalteten Papierformen. Für Bewegung sorgte sie mit großen Farb- oder Kreidestrichen. Es sollte sichtbar werden, dass das eine Material härter war als das andere. Biegsame Teile wechselten sich mit festen Formen ab. Die Erfahrungen, die sie damals in wenigen Wochen höchster Konzentration gesammelt hat, sind bis heute in ihrem Schaffen zu erkennen.

Iris Bodemer verfügt über das bildnerische Können einer großen Künstlerin und hat ihr Metier somit gut gewählt. Aber sie stellt keine autonomen Werke her, die in einem leeren Raum platziert werden. Ihre Kunst ist für den menschlichen Körper bestimmt. Zwar mag sich beim Betrachten ihrer Arbeiten manch einer fragen, ob sie wohl tragbar sind, aber als Schmuck am Körper erfüllen sie immer ihre Funktion.

Eine der größten Herausforderungen für jeden Schmuckkünstler besteht darin, die physische Begrenztheit seiner Arbeiten zu akzeptieren. Welche Dimensionen soll man aufzeigen in seinem Werk, und wie kann man innerhalb dieser Dimensionen an die Emotionen, die Erfahrungen und das Denken anderer Menschen appellieren?

Für Iris Bodemer ist Dimension ein zugleich abstraktes und konkretes Phänomen. Sie beschäftigt sich intensiv mit Naturvorgängen, mit Begriffen aus Mathematik, Naturwissenschaften und Astronomie. Um Volumen greifbar zu realisieren, verwandelt sie Draht und flächiges Material in dreidimensionale Formen. Ein Stück Papier kann man schneiden und zu einer Form biegen. Man kann es so knittern, dass ein Volumen entsteht, und durch Knüllen, Pressen und Verformen in ein neues Material verwandeln. Das Gleiche kann man auch mit einem Metallblech machen. Ein Draht kann eine bloße Linie sein und gleichzeitig die verschiedenen Teile eines Schmuckstücks miteinander verbinden. Man kann ihn so biegen, dass etwas Räumliches daraus wird. Für Iris Bodemer gibt es keine Trennung zwischen zwei- und dreidimensionalem Denken. Sie nimmt sich die Freiheit, irgendwo zwischen diesen beiden Denkformen zu schweben.

Bei aller Freiheit der Materialwahl und Formgebung hat jedes Schmuckstück, das Iris Bodemer herstellt, einen inneren Zusammenhang. Ihr kompositorischer Scharfblick gewährleistet, dass der Betrachter nicht ungestraft ein Element hinzufügen oder entfernen kann. Darüber hinaus ist, wenn es um Schmuck geht, der Zusammenhalt eine ganz konkrete Notwendigkeit, muss das Schmuckstück doch die Bewegungen eines Menschen aushalten und sollte nicht in seine Einzelteile zerfallen, sobald man es berührt.

Besondere Freude macht mir die Art, wie Iris Bodemer die verschiedenen Teile ihrer Schmuckstücke miteinander verbindet. Ich erkenne darin Elemente wieder, die sie schon 1998 in ihren Wandzeichnungen entwickelt hat. Mal fügt sie die Teile mit Klebeband zusammen, mal hakt sie einfach Bleche ineinander, näht oder knüpft. Wenn es nötig ist, stellt sie mit allem Können der Goldschmiedin klassische Verschlüsse und Broschierungen her, die dann makellos und perfekt verarbeitet sind.

Dass sie sich die Freiheit genommen hat, Teilstücke mit Schnüren oder Wolle zu verknüpfen, geht auf ein persönliches Erlebnis zurück. Ihre Familie vermachte ihr einst den Ehering ihrer Urgroßmutter. Diesen Ring des verstorbenen Gatten wollte die Witwe, wie es damals üblich war, selber tragen. Da der Ring aber zu groß war und sie ihn nicht beim Goldschmied enger machen lassen wollte, wickelte sie kurzerhand etwas braune und schwarze Wolle herum, um ihn tragen zu können. Aus diesem in der Familie überlieferten Kunstgriff machte Iris Bodemer eine bevorzugte Methode. Für eine Serie von Ringen aus dem Jahr 2004 wickelte und verknotete sie mehr und mehr Wolle, bis das Ergebnis an klassische Ringe mit gefassten Steinen erinnerte. Um die Ringgröße zu ändern, wurde einfach mehr Wolle aufgebracht.

Das Wort Zusammenhang hat in der Kunst noch eine weitere Bedeutung. Es bezeichnet die Kohärenz des Œuvres, einen Rhythmus wiederkehrender Elemente, der den Bogen in Spannung hält. Oft wird dieser Rhythmus schon durch die Praxis des freischaffenden Künstlers vorgegeben, weil sich Perioden konzentrierten Schaffens mit anderen wichtigen Tätigkeiten wie Unterrichten, Ausstellungsvorbereitungen, Vorträgen oder anderen Aufgaben abwechseln. Für Iris Bodemer sind die dadurch entstehenden Arbeitspausen eine willkommene Zeit, um neue Energie und Eindrücke zu sammeln und Ideen reifen zu lassen, bevor sie eine neue Werkgruppe in Angriff nimmt.

In den Jahren 1999 und 2000 hat Iris Bodemer vor allem große Halsketten hergestellt, die sie wie zweidimensionale Zeichnungen präsentierte. Danach erhielt ihr Werk zunehmend skulpturalen Charakter. Der Schmuck aus den Jahren 2003 und 2004 hält die Balance zwischen Objekt und Halsschmuck. In dieser Zeit arbeitet sie auch erstmals mit Wolle. Die Dynamik zwischen zwei- und dreidimensionaler Zeichnung wird in der folgenden Werkgruppe weiter ausgebaut. Die Zeichnungen bilden dabei einen wesentlichen Bestandteil des Schmuckes. 2007 und 2008 spielen Materialien und Steine eine zentrale Rolle. Verbunden werden die Materialien in dieser Werkgruppe namens „Ingredienzen“ mit Draht und Wolle. In den Jahren darauf dominiert das Metall, aber die Steine bleiben in Iris Bodemers Arbeiten einstweilen noch präsent. Danach zeichnet sich in ihrem Werk allmählich der Wendepunkt ab, der einen wichtigen Anlass für dieses Buch darstellt. Dieser Chronologie folgt auch die Auswahl der Abbildungen im Buch.

Was alle Schmuckstücke Iris Bodemers verbindet, sind das direkte Zeichnen in und mit dem Material, der scharfe Blick für Maß und Komposition und die vermeintliche Leichtigkeit, mit der Iris Bodemer die Teile zu einem Ganzen verbindet. Und noch etwas ist allen Schmuckstücken der verschiedenen Schaffensperioden gemeinsam: Iris Bodemers Gefühl für Farbe.

Farbe ist physikalisch messbar und doch wie jede Sinneserfahrung relativ. Im Alltag erfahren wir Farbe niemals in ihrer objektiven Reinform; hierfür würden wir komplizierte Farbmessgeräte benötigen. Menschen erfahren Farbe vor allem im Kontrast mit anderen Farben. Diese Wahrnehmung ist allerdings unausweichlich "gefärbt", weil die Farben sich gegenseitig beeinflussen. Psychologen und Sprachwissenschaftler gehen davon aus, dass es nur elf Grundfarbwörter gibt: Schwarz, Weiß, Rot, Blau, Gelb, Grün, Braun, Violett, Orange, Rosa und Grau. Wer mehr Farben benennen will, muss den Farbnamen mit dem Namen eines Gegenstandes kombinieren oder die Vorsilbe "hell-" oder "dunkel-" bemühen.

Das richtige Blau, einbettet in eine eigensinnige Farbkonstellation, verführt mich sofort. Anders als in der Mode, Textilgestaltung, Malerei und Fotografie sind in der Schmuckwelt begnadete Koloristen leider eine Seltenheit. Vielleicht liegt dies daran, dass bestimmte Steine oder Edelmetalle wie Gold mit ihrer Farbpracht so dominieren, dass andere Farben oder Texturen neben ihr nicht bestehen können.

So wie es Menschen mit einem absoluten Gehör gibt, haben manche Menschen einen untrüglichen Blick für Farben. Aus Hunderten von Farbtönen greifen Sie genau die Nuance heraus, die sie brauchen. Meist beherrschen sie auch die Kunst, die gewählten Schattierungen auf wohltuende Weise zu kombinieren. Dieses Farbgefühl ist eine nicht objektivierbare, emotionale Gabe.

Iris Bodemer besitzt ein solches ausgeprägtes Farbgefühl. Ihre Farbpalette hat sich allerdings verändert: War sie in den letzten fünfzehn Jahren hell und lebendig, wird es in den neuesten Arbeiten farblich stiller.

Dieser Wandel beruht auf einer bewussten Entscheidung. Iris Bodemer zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihr bisheriges Werk und allgemein akzeptierte Ansichten über Schmuck kontinuierlich einer scharfsichtigen Analyse unterzieht. Dies erfordert den Mut und die Intelligenz, sich immer wieder für das Unbewiesene zu entscheiden und die im Laufe der Jahre gesammelten schöpferischen Erfahrungen immer wieder zur Diskussion zu stellen. Aber die größtmögliche Freiheit im Denken und Handeln erreicht nur, wer Fragen stellt und bereit ist, Risiken einzugehen.

Wenn sie sich in ihrer Werkstatt an die Arbeit macht, ist sie von Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen, imaginären Bildern, Materialien, Werkzeugen und Erfahrungen umgeben. Die Arbeit verlangt von ihr, sich zu konzentrieren, sich von Regeln und äußeren Erwartungsmustern zu lösen, nicht Zugehöriges auszusondern, das Wesentliche festzuhalten und dann nicht locker zu lassen, um bis zum Kern vorzudringen. Fragen nach ihrem Arbeitsprozess beantwortet sie knapp mit einem Hinweis auf Musiker wie John Cage und Claude Debussy. Letzterer antwortete auf die Frage, wie er seine Musik komponiere: „Ich nehme alle Töne, die es gibt, lasse diejenigen weg, die ich nicht will, und verwende alle anderen.“

Die Bilder, die sich in ihrem Geist formen, sind das Resultat eines schnellen Verstandes, intensiver Lektüre und der Anschauung und Befragung der Welt, die sie umgibt. Wie weit ihr Einfluss reicht und wie angreifbar ihre Stellung in dieser Welt ist, ist ihr bewusst. Sie vertieft sich in die dehnbaren Grenzen des Weltalls und fragt sich, was Natur eigentlich ist und wie die Menschen diesen Begriff manipulieren, missachten oder verklären. Ein Großteil ihrer Arbeit ist virtuell. Dimensionen sind relativ. Was klein scheint, ist vielleicht in Wahrheit groß – je nachdem, wie weit es entfernt ist. Iris Bodemer kann so auf unsere Erde schauen, als sitze sie in einem Raumschiff…. Sogar der Schatten eines Objektes ist von Belang und kann entscheidend sein für die endgültige Form eines Schmuckstückes.

In ihren jüngsten Arbeiten stellt Iris Bodemer sich und uns Fragen, die die Umwelt, den Raubbau an der Natur, die begrenzte Verfügbarkeit bestimmter Rohstoffe und die sich in diesem Zusammenhang verschiebende Werteskala betreffen. Diese für unsere Zeit entscheidenden Fragen haben mit Respekt zu tun. Iris Bodemer hat sich gelöst vom Zauber der Steine und Materialien, mit denen sie so treffsicher und erfolgreich gearbeitet hat. Jetzt wendet sie sich rohen Metallen zu, verarbeitet Silber zu großen Reliefs, die wie raue Landschaften wirken und sich aus vielen Broschen zusammensetzen. Sie verarbeitet kostspieliges Platin und Feingold, aber auch alte Münzen aus Indien und natürliches Kupfer. In ein Schmuckstück hat sie Glasampullen mit Seltenen Erden integriert – als Zeichen der Wertschätzung, die eigentlich der Erde als Ganzem zuteil werden müsste, und als Kritik am unreflektierten Konsumverhalten, das immer mehr um sich greift. Es ist eine mutige Werkgruppe, die mit den üblichen Erwartungen an Bodemers Werk bricht und notwendige und unliebsame Fragen stellt.

Viele Träger und Betrachter ließen sich von der Farbenpracht früherer Arbeiten in den Bann ziehen. Auf diese neuen Arbeiten können sie sich erst mit etwas Intuition einlassen, um sie einordnen und nachvollziehen zu können. In dieser jüngsten Werkgruppe sucht Iris Bodemer ein verlässliches Gleichgewicht inmitten der instabilen Wertesysteme der heutigen Zeit. Das Ergebnis ist offen. Die Waage kann sich zu jeder Richtung neigen; dessen ist sie sich bewusst. Dennoch bezieht sie Position und nimmt sich von Neuem die Freiheit, mit ihrem Schmuck das auszudrücken, was sie beschäftigt, und komplexe Erkenntnisse und Fragen am eigenen komplexen Geist zu überprüfen. Ihre Augen haben sie dabei nicht im Stich gelassen: In ihrem Schaffen macht sich eine neue Schönheit bemerkbar, die Respekt erzwingt.

Bild und Text stehen jetzt fest, wie es einem gedruckten Buch eigen ist. Jeder, der dieses Buch in Händen hält, kann dasselbe sehen und diesen Text lesen. Nicht alle Schmuckstücke von Iris Bodemer sind abgebildet. Es bedürfte also noch vieler weiterer Worte, um von ihrem Werk zu erzählen. In diesem Sinne steht REBUS als Titel dieses Buches auch für alles, was für den Leser beim Betrachten von Iris Bodemers Arbeiten zu enträtseln bleibt.

Marjan Unger