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METALSMITH 2013 _ Band 33 Nummer 1 _ Page 30 – 37

Variation über die Stille: Die Schmuckkunst von Iris Bodemer

Von MARJORIE SIMON

Mit den Arbeiten, die sie im Frühjahr 2012 in der Jewelers’ Werk Galerie in Washington gezeigt hat, kehrt die deutsche Schmuckkünstlerin Iris Bodemer zum Werkstoff Metall und seiner energischen Materialität zurück. Wie in früheren Ausstellungen fordern Bodemers asymmetrische Kompositionen auch hier den Raum ein, den sie brauchen, damit sie sich an der Wand, auf der Tischfläche oder am Körper entfalten können. Sorgten früher Edelsteine, gefundene Dinge und textile Materialien wie Wolle und Bast für Farbigkeit, wird die Palette jetzt bestimmt von geschwärztem Silber mit sporadischen, aber kräftigen Akzenten in Weiß, Bronze und Grau, ergänzt durch transparenten Rauchtopas. In manchen Arbeiten halten sich riesenhafte Perlen, Rutilquarz und Zitrine einerseits und das Weiß des gegossenen Silbers andererseits farblich im Gleichgewicht. Dann wieder bauen durchscheinende pastellfarbene Edelsteine in Rosa und Blau einen Kontrast zu dem milchig-opaken Metall auf. Rohe Natursteine und die zahlreichen polierten und geschliffenen Steine entfalten eine tänzerische Dialektik von Zufall und Kalkül.
Die Formen, die Bodemer schafft, und ihr Wechselspiel untereinander sind so stimmig, dass ihr gesamtes Oeuvre ein kohärentes Ganzes ergibt, ohne repetitiv zu wirken. Der neue Halsschmuck gibt sich mit seinem schroffen Nebeneinander von vermeintlich unvereinbaren Werkstoffen wie facettierten Edelsteinen und Rohkupfer klar als Schöpfung des 21. Jahrhunderts zu erkennen und nimmt zugleich Bezug auf klassische Schmuckformen mit großem mittigem Anhänger und „Kette“. Manche Arbeiten erinnern an Bodemers multimediale Kompositionen aus früheren Jahren – Kreise mit verschobenem Mittelpunkt und kartoffelförmige Silhouetten, scheinbar freihändig aus dem Metall ausgeschnitten ähnlich wie die berühmten Papierschnitte von Matisse, die so wirken, als hätte eine Person das Papier gehalten und eine andere die Schere geführt. Diese unregelmäßigen Formen lassen eine Zartheit entstehen, die die Arbeiten physisch leichter macht und ihnen ihre visuelle Schwere nimmt.
Technisch anspruchsvolle Schließen gehören für die gelernte Goldschmiedin Bodemer zum Handwerkszeug, aber sie bevorzugt einfache Mechanismen, die wie riesenhafte Klammern die ungleichartigen Elemente zusammenhalten. Bei vielen Arbeiten sieht die Rückseite wie genäht aus – wohl eine Reminiszenz an Bodemers Textilassemblagen aus früheren Jahren. Gestisch und intuitiv waren Bodemers Arbeiten schon immer, und diese Qualität hat sich über die Jahre behauptet. Ihre gewohnt wirkungsvolle Linienführung lässt auch schweren Draht so leicht und lebendig wirken, als hätte ihn mit einem gewaltigen Stift ein junger Riese gezeichnet. „Wenn ich an meinem Schmuck arbeite, gehe ich immer zeichnerisch vor“, sagt die Künstlerin. Ähnlich wie ihre Schmuckarbeiten fesseln denn auch Bodemers Zeichnungen den Betrachter durch ihre unmittelbare Materialität und durch kombinierte Werkstoffe, vielfältige Texturen und wiederkehrende Formen.
Als vielseitig interessierte Künstlerin schöpft Bodemer aus verschiedensten Inspirationsquellen. Ihr Schmuck wirkt zwar unter ästhetischen Gesichtspunkten eindeutig europäisch, folgt aber nicht einer vorgeprägten Ausdruckssprache. Ein viel wichtiger Bezugspunkt sind für sie die bildenden Künste – insbesondere die Zeichnungen von Joseph Beuys – und so unterschiedliche Künstler wie Leon¬ardo da Vinci, Marcel Duchamp und Louise Bourgeois. Besonders bedeutsam sind für Bodemer das Werk und die Texte des amerikanischen Avantgardisten und Komponisten John Cage. So wie Cage die Stille als Äquivalent zur Musik einsetzt, lässt Bodemer Raum und Form zueinander in Beziehung treten. Ihr Schmuck ist, wie schon der Katalog mit dem schlichten Titel Iris Bodemer aus dem Jahr 2002 gezeigt hat, oftmals karg und lässt um bestimmte Elemente herum Räume der Stille entstehen. Unter anderem hat Bodemer in ihrer Beschäftigung mit Cage eine Erkenntnis gewonnen, die handwerklich arbeitenden Künstlern vertraut ist: Der Prozess ist wichtiger als das Produkt. „Der Interpret (sprich: der „Lernende“) muss im Vertrauen auf seine Intuition seinen eigenen Weg finden.” Von Cage, so berichtet Bodemer, hat sie gelernt, „die Kraft des Materials zu erkunden, aufmerksam Kleinigkeiten zu beobachten und zu erkennen, dass die Inspiration überall und vor allem in mir selbst zu finden ist.“ 1

Ihre Kraft beziehen Bodemers Arbeiten einerseits aus dem, was die Künstlerin auswählt, und andererseits aus dem, worauf sie bewusst verzichtet. Im Gespräch über ihr Werk geht sie auf Fragen nach Bedeutungen und Materialien nicht ein: Sie entscheide sich für das, was ihre Vorstellungen zum Ausdruck bringt. Worin diese Vorstellungen bestehen, führt sie nicht näher aus. Diese Haltung hat eine andere deutsche Schmuckkünstlerin, Iris Eichenberg, 2012 in einem Interview zu erläutern versucht: „Es liegt Europäerinnen und Europäern nicht, über ihre eigenen Arbeiten zu sprechen…. Nach ihrer Überzeugung spricht das Werk für sich und bedarf keiner Erklärung.”2 Spricht man Iris Bodemer auf diese Beobachtung an, stimmt sie amüsiert zu und bekräftigt, dass alles, was sie sagen wolle, im Werk enthalten sei. Cornelie Holzach, die Leiterin des Schmuckmuseums Pforzheim, sieht es so: „Um Strukturen, Oberflächen, Farbe, Linien und Volumen entstehen zu lassen, ist das der Idee am nächsten kommende Material wichtig, nicht seine technische Eignung.”3 Bodemer ist überzeugt, dass das Reden über die eigenen Arbeiten den künstlerischen Prozess und seinen „Zauber“ selbst dann noch stört, wenn die Arbeit schon fertig ist – eine Auffassung, die viele bildende Künstler, Komponisten und Schriftsteller teilen. Und zu der Frage, was ihre Arbeit bedeutet, könne sie meist nur so viel sagen, dass es darin um das alltägliche Leben geht, um die Art und Weise, wie das Sonnenlicht durch das Fenster einfällt, oder um einen Gedanken, der ihr in den Sinn kommt. Kunst und Leben, so wird hier deutlich, sind für Iris Bodemer keine Dualität; alles ist Kunst, und alles ist Leben.
Bilder entspringen überall. Mal liest sie Lyrik oder philosophische Texte, mal ein Theaterstück von Tschechow, mal vertieft sie sich in das Studium der Zen-Gartenkunst. Erkenntnistheorie und Physik findet sie ebenso interessant: Wie arbeitet das Gehirn? Wie verhält sich die potenzielle Energie zur kinetischen Energie? In ihrer oftmals bildhaften Sprache philosophiert sie über den Begriff der Potenzialität: „Alle Linien sind schon im Stift enthalten…. Vielleicht sollte man sie im Stift lassen, als reine Option? Die Aufgabe besteht darin, diesen Gedanken in die Sprache der materiellen Welt zu übersetzen.” Für Bodemer ist kreatives Arbeiten ein Prozess des Filterns und Siebens: „Jeden Tag schütten wir Geschichten und Bilder durch einen Filter”, sagt sie mit den Worten Tschechows. „Und es bleibt darin zurück, was man bewahren muss.“ Vor diesem gedanklichen Hintergrund wird Bodemers Schmuckkunst für den Betrachter eingängiger und bereichert ihn womöglich noch mehr.
So ungern Iris Bodemer Erklärungen zu ihrem Werk liefert – über ihren Schaffensprozess äußert sie sich bereitwilliger. Auch dabei umkreist sie ihr Thema eher und lädt ihr Gegenüber ein, den gedanklichen Kreisbewegungen zu folgen. „Das Werk soll die Idee zum Ausdruck bringen, und die Idee wird durch das Werk visualisiert; andernfalls würde ich Bücher schreiben.”4 Diese Worte gab Bodemer einer 10-seitigen Präsentation ihrer Arbeiten in einem 2011 erschienenen Überblick über zeitgenössische Schmuckkunst mit auf den Weg. Einige der dort gezeigten Schmuckarbeiten, die in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends entstanden sind, sind besonders anschauliche Beispiele für Bodemers Schaffen, in dem sie Edelsteine, Stoff und textile Techniken mit primitiv anmutenden Metallarbeiten kombiniert. Angesprochen auf die Materialwahl in ihrer „textilen Phase”, zitiert sie erneut John Cage: „Auf die Frage, wie er Musik komponiere, hat Debussy einmal geantwortet: Ich nehme alle Töne, die es gibt, lasse diejenigen weg, die ich nicht will, und verwende alle anderen.”
Dass Bodemer auf Fragen zu ihrer kreativen Praxis scheinbar so unbestimmte Antworten gibt, ist vielleicht einfach nur ein Indiz dafür, dass sie viel Zeit darauf verwendet, ihr Werk zur Vollendung zu führen. Wenn sie eine Werkgruppe abgeschlossen und danach ausgestellt hat, nimmt sie sich eine Auszeit, um den Kopf frei zu bekommen für das nächste Projekt. Sechs bis acht Monate befreit sie ihr Denken von allem, was mit Erwartungen zu tun hat, und bleibt offen für jeden Impuls, der sich meldet. „Ich konzentriere mich dann auf das innere Zwiegespräch zwischen mir und der Welt.“ In diesem durchlässigen, aufnahmebereiten Zustand stellen sich Bilder und Gedanken von selbst ein, und alle Gesehene, Gehörte und Erlebte findet seinen Weg in das Werk. Sie hat eine klare Vision davon, was sie erschafft, und spielt alle denkbaren Variationen durch, bevor der eigentliche Konstruktionsprozess beginnt. Die Bilder sind da; sie fallen ihr zu, ohne dass sie danach sucht. Wenn sich Bodemer an die Ausführung macht, gibt es kein Zögern mehr: Alles wird unter ihren Händen lebendig. Und doch wirkt jedes Einzelstück so, als sei es vollkommen spontan entstanden.

Schon oft hat die Künstlerin die Geschichte vom geerbten Ring erzählt, der einst ihrer Urgroßmutter gehörte – eine Geschichte, die erhellend ist für Bodemers Schaffensprozess. Der Ring war für eine Frauenhand zu groß und hatte vermutlich dem verstorbenen Ehemann der Urgroßmutter gehört. Da die Witwe den Ring aber tragen wollte, wickelte sie, um ihn enger zu machen, einen Wollfaden um das Metall. Diese einfache, findige Lösung und dazu der eigentümliche Materialkontrast regten Bodemer dazu an, die Einsatzmöglichkeiten von Wolle in ihrer eigenen Arbeit zu erproben, obwohl ihr dieses Material eigentlich nie recht zugesagt hatte. Wegen seiner Elastizität und Stärke, aber auch wegen der Wärme, die von ihm ausgeht, lernte sie den Werkstoff Wolle immer mehr schätzen. Als in einer späteren Phase die metaphorischen Qualitäten der Wolle ihr Interesse für sie verloren, hörte sie auf, dieses Material zu verwenden.
Bodemer verlebte eine „glückliche Kindheit“ im westfälischen Paderborn mit seinem Dom, dessen Geschichte in die Zeiten Karls des Großen zurückreicht. Sie nutzte den Fluss, der in der Stadt entspringt, zum Spielen und wuchs behütet in einem kleinstädtischen Umfeld heran. Außerdem erfuhr sie viel Unterstützung durch ihre Familie und konnte, wie sie heute sagt, in der Strenge einer reinen Mädchenklosterschule frühzeitig das nötige Selbstbewusstsein entwickeln. Von ihrem neunten bis fünfzehnten Lebensjahr erwarb sie in gemischten Pfadfindergruppen weitere wichtige Fertigkeiten: Sie lernte, wie man Feuer macht, erforschte die Natur, wurde mit der Welt des Waldes vertraut und entwickelte eigene Lösungen für alle Lebenslagen. Sie spielte Klavier und Gitarre und begann schon mit 13 Jahren, Schmuck herzustellen und zu verkaufen. Vor der Drogerie, die Freunde der Familie in der Stadt betrieben, durfte Iris Bodemer ihren Schmuck auf einem Tisch präsentieren; vom Verkaufserlös kaufte sie Material. Bodemers erster Lehrer am Berufskolleg für Formgebung in Pforzheim war Winfried Krüger, dessen Laissez-faire-Haltung die junge Studentin nachhaltig geprägt hat. Krüger brachte den Studierenden bei, dass es kein „Gut” oder „Schlecht” gibt; für den Künstler komme es allein auf die eigenen Entscheidungen an. Ernsthaft und mit großer Lernbereitschaft machte sich Bodemer daran, ihre eigenen ästhetischen Vorstellungen zu entwickeln. In ihrem Abschlussprojekt „Metamorphose“ demonstrierte sie, wie sich aus einem flachen und stets gleich großen Silberquadrat durch Schnitte und Wölbungen fast ein Dutzend komplexer, voluminöser Ringe entwickelt. Bevor sie später verschiedenartige Materialien erkundete und sich Werkstoffen wie Filz und Wolle zuwandte, stellte Bodemer ihre frühen Arbeiten aus Metall her, die sie sägend, biegend und mit anderen Bearbeitungstechniken aus flachem Blech herstellte. Ihre Ausbildung setzte Bodemer an der Hoch-schule für Gestaltung in Pforzheim fort, die kreative und technische Fertigkeiten gleichermaßen fördert und keine Trennlinie zwischen Entwerfen und Produzieren zieht. Zugleich wird dort den Studierenden vermittelt, Kunst und Leben als nahtloses Kontinuum zu sehen – mit einem thematisch breit angelegten Lehrplan, der zum Experimentieren ermuntert. Die Schule fördert außerdem den „fortlaufenden Gedankenaustausch mit den Fachschulen in Hanau, Heiligendamm, Düsseldorf, Barcelona und Prag“, wie es in einem Katalog der Schule heißt.5 Während ihrer Zeit an der Hochschule für Gestaltung konnte Bodemer mit einem Stipendium in die USA reisen und das Jahr 1995 an der Rhode Island School of Design verbringen.
Losgelöst von ihrem gewohnten, traditionsverbundenen Umfeld, begann Bodemer in Rhode Island, neue Werkstoffe zu erproben und auch gedanklich neue Wege zu gehen. Sie sah ihre amerikanischen Kommilitonen am Strand bunte Kunststoffteile auflesen und die Fundstücke in ihre Arbeiten einbauen und tat es ihnen gleich, kombinierte Metall mit Plastik, Klebeband und anderen traditionsfremden Materialien. In Providence trieb sie bunte Kunststoffschnüre aller Art auf, die sie nach Deutschland mitbrachte und im Atelier verarbeitete; damit war Emaille für sie nicht länger die einzige Möglichkeit, ihren Arbeiten Farbe zu verleihen.
Nach ihrem Abschluss studierte Bodemer zwei Jahre am Amsterdamer Sandberg Institut im Fachbereich Freie Gestaltung. Wie viele ihrer damaligen Kommilitonen in Amsterdam und Pforzheim erprobte Bodemer weiterhin „alternative“ Werkstoffe, die nicht zum traditionellen Kanon der konventionellen Schmuckherstellung gehörten. Ironischerweise ist dieser damals radikale Aufbruch in den Jahrzehnten seither selbst zur Konvention geworden, sodass Bodemer mit ihrer Rückkehr zum Metall einmal mehr ihre Eigenständigkeit unter Beweis stellt.
Bodemers frühe Arbeiten sind selbstbewusste Metallobjekte, die sich leicht erschließen. Dabei hat sich Bodemer die Eigenschaften des Metalls — seine Formfestigkeit, die Spannung, die durch gewölbte Flächen entsteht, und die Linienführung auf metallischen Oberflächen — sehr wirkungsvoll zunutze gemacht. Die Galerie Marzee im niederländischen Nijmegen war frühzeitig von Bodemer überzeugt und stellt bis heute alle zwei Jahre ihre Werke aus. Der Katalog, den Bodemer für ihre Ausstellung 2002 entworfen hat, ist ein Musterbeispiel für Zurückhaltung — mit handgenähten Schutzumschlägen und klammergeheftetem Inhaltsverzeichnis.
Jedes der vielfach aus Gold, natürlichen Mineralien und Bindfäden gefertigten Objekte wird auf einer jeweils eigenen, wunderschön gestalteten Seite gezeigt. Die gestische Dimension und die Raffinesse der Arbeiten kommen so perfekt zur Geltung. Die bewegten Strichzeichnungen scheinen mit großem Abstand vom Blatt entstanden zu sein und erinnern an Arbeiten des deutschen Schmuckkünstlers Manfred Bischoff. Bodemers souveräne Goldschmiedekunst zeigt sich in den weich wirkenden Gold- und Silberelementen, die sie mit sicherem Formgespür mit Fäden oder winzigen Perlen kombiniert. Die Arbeiten aus dieser Zeit lassen Bodemers Handschrift deutlich erkennen: rohe Mineralien neben geschliffenen Edelsteinen, raffinierte und dennoch einfache Befestigungslösungen, subtil kombinierte Farben. Ein Jahrzehnt später hat Bodemers Werk nichts von seiner Frische verloren.
Wer Bodemers Schaffen der letzten zehn Jahre Revue passieren lässt, begegnet dabei den zentralen Themen, mit denen sich Schmuckkünstler künftig auseinandersetzen werden. Die bewegte, unregelmäßige und scheinbar spontane Linienführung ihrer Schmuckobjekte, die oft wirken wie mit der Schere ausgeschnitten, wird von Studierenden allerorten aufgegriffen. Die dynamischen Umrisse zeigen die Bewegungsenergie des Fertigungsprozesses – aber nicht die zärtliche Berührung einer Pinselspitze, sondern das ungestüme Zerschneiden von Papier mit der Schere wird hier spürbar.
Bodemers regelmäßige Ausstellungen bei Marzee machen sichtbar, wie sich ihr Werk im Laufe der Jahre thematisch entwickelt hat. 2004 erkundete sie die skulpturale Dimension von Schmuck als einer vom Körper losgelösten Kunst. Die Arbeiten aus dieser Zeit sind farbig, verwenden vielfältige Materialien inklusive Wolle und Kunststoff und sind nicht unbedingt zum Tragen geeignet. Keinesfalls ordnen sie sich als unterstützendes Accessoire der Mode unter. 2006 nahmen Bodemers Broschen, montiert auf mit Zeichnungen versehenen Holztafeln, eine ganze Galeriewand ein. Wenn sie nicht getragen werden, bilden Brosche und Zeichnung eine in sich geschlossene Komposition. 2008 lotete Bodemer aus, wie verschiedene Werkstoffe miteinander kommunizieren oder gegeneinander ankämpfen. Dabei sind Arbeiten entstanden, die organische und anorganische Materialien mit eingewickelten, genähten und gehefteten Textilien mischen — von Leinen über Hanf bis Kevlar. Die Werkstoffkombinationen spielen auf ihre eigene Überdeterminiertheit an und behaupten sich zugleich in ihrer Dissonanz.
Des Arbeitens ohne Metall wurde Bodemer schließlich überdrüssig. Sie hatte mit diesem Vokabular alles gesagt, was zu sagen war. Indem sie sich in jüngster Zeit wieder dem Werkstoff Metall zuwendet, scheint sie, ohne sich selbst zu wiederholen, manche ihrer früheren Arbeiten neu zu interpretieren. So ähnelt zum Beispiel der Silberhalsschmuck von 2012 einer Pferdehaarbrosche von 2008 mit dem Unterschied, dass an die Stelle des verknoteten und gebundenen Pferdehaars von einst nunmehr kreideweißes Metall getreten ist. Die beiden Arbeiten sind farblich eng verwandt und kontrastieren ein frostiges Stück Strandgut mit hellen, unbearbeiteten Turmalinen.
Manche der Schmuckobjekte, die Bodemer herstellt, sind lieblich und von herzzerreißender Zartheit; andere Arbeiten wirken mit ihren sperrigen Materialdissonanzen schroff. Bodemer knüpft an ihre herausragenden deutschen und niederländischen Vorläufer an – an Hermann Jüngers makellose Handwerkskunst und seinen scheinbar lässigen Umgang mit edlen Werkstoffen ebenso wie an Dorothea Prühls grobförmige, „hässliche” Kombinationen von unedlen Materialien. Gleichzeitig spielt sie selbst eine Vorreiterrolle für die neue Schmuckkünstlergeneration – für Deborah Rudolph in Deutschland ebenso wie für zahllose Nachwuchskünstler in der ganzen Welt, die ihrem Beispiel folgen und grobe Umrisse, die an zerrissenes Papier erinnern, mit Textilien und lasierten Oberflächen kombinieren.
Bodemers Werk verlangt seinem Betrachter gedankliche Arbeit ab, aber mehr noch lädt es zum Denken ein. Wer es voll und ganz ergründen will, sollte etwas Lyrik lesen. Oder selbst das eine oder andere Gedicht schreiben. Oder Musik von John Cage hören, der davon überzeugt war, dass es so etwas wie absolute Stille nicht gibt. Ausgenommen die Töne des Herzschlags und das Geräusch, das unser Blut erzeugt, wenn es das Gehirn durchströmt.
Marjorie Simon lebt als Schmuckkünstlerin und Autorin in Philadelphia.

1. Auf die Verbindung zu John Cage ist Judy Wagonfield in einem Artikel in Metalsmith eingegangen; Band 27, Nr. 5, S. 58.
2. www.artjewelryforum.org/ionterviews
3. www.irisbodemer.de/G/text
4. Contemporary Jewelry Art, von Design-Ma-Ma, Cypi Press, 2011, Großbritannien, S. 30.
5. Englische Übersetzung des Vorwortes zum Katalog Schmucktriebe, Berufskolleg für Formgebung Pforzheim, ca. 2000, von Christiane Weber-Stoller, Gesellschaft für Goldschmiedekunst.